Kintsugi im Berufsleben steht für den Umgang mit beruflichen Brüchen und Erfahrungen, die Spuren hinterlassen.
Vor einiger Zeit bin ich auf ein Bild gestoßen: Tassen und Vasen mit sichtbaren goldenen Linien.
Diese Kunst nennt man Kintsugi. Sie zeigt, wie Risse und Bruchstücke achtsam wieder zusammengefügt und mit Gold verbunden werden. Die Bruchstellen bleiben sichtbar und genau dadurch wird das Gefäß wertvoller als zuvor.
Dieses Bild erinnert an viele berufliche und private Erfahrungen. Mit dem Unterschied, dass wir unsere eigenen „Risse“ oft kaschieren, überdecken oder schnell wegpacken. Was wehtut oder nicht mehr funktioniert, landet innerlich gern im „Müll“, statt behutsam angesehen zu werden.
Übertragen auf das Leben und besonders auf das Berufsleben in einer sich wandelnden Arbeitswelt bedeutet Kintsugi: die entstandenen Risse wahrzunehmen, sie in Ruhe zu betrachten und Schritt für Schritt in Stärke zu verwandeln. Das ist möglich. Es braucht Zeit, denn Heilung hat ihr eigenes Tempo. Genau wie die geduldige Arbeit der Kintsugi-Kunsthandwerker.
Doch oft entsteht gerade dann ein Weg in etwas Neues und Wertvolles.
Wenn wir Kintsugi als Metapher nehmen, kann sie uns helfen, belastende berufliche Erfahrungen einzuordnen und daraus Orientierung und Klarheit für die nächsten Schritte zu gewinnen.
Berufliche Erfahrungen, die Spuren hinterlassen
In einer Arbeitswelt, die von Veränderung, Druck und Unsicherheit geprägt ist, bleiben solche Erfahrungen selten ohne Wirkung.
Kintsugi bietet dafür ein anderes Bild: Brüche müssen kein Rückschritt sein. Jede dieser Erfahrungen verändert etwas – manchmal sichtbar, manchmal erst im Nachhinein. Berufliche Rückschläge wie eine Kündigung, lange Phasen der Überlastung oder Pausen durch Familie können schmerzhaft sein und gleichzeitig neue Wege öffnen.
Typische Risse im Berufsleben sind zum Beispiel:
- du wurdest übergangen oder nicht gesehen
- Projekte sind gescheitert
- eine dominante Führungskraft hat dich klein gemacht
- Mobbing oder ständiger Druck haben an dir genagt
- Perspektiven fehlten, Türen blieben zu
- der Wiedereinstieg nach der Elternzeit war nicht möglich
- eine Kündigung kam unerwartet und hat wehgetan
Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren. Manchmal feine Haarrisse. Manchmal Brüche, die tief gehen.
Wenn Narben sichtbar werden dürfen
Die Idee, Bruchstellen nicht zu verstecken, sondern ihnen Bedeutung zu geben, gibt es nicht nur im übertragenen Sinn.
Ein berührendes Beispiel findet sich in einer Kampagne der AOK Hessen gemeinsam mit dem Selbsthilfeverein
das BUUSENKOLLEKTIV e.V. Unter dem Titel „Let Your Scars Shine“ zeigen Frauen nach einer Brustkrebsoperation ihre Operationsnarben – nicht verborgen, sondern sichtbar. Die Narben werden auf Fotografien mit goldenen Linien hervorgehoben, inspiriert von der japanischen Kintsugi-Kunst.
Nicht als Provokation. Sondern als Ausdruck von Würde, Mut und gelebter Geschichte.
Die Botschaft dahinter ist klar: Narben sind keine Makel. Sie erzählen davon, was war und davon, dass jemand weitergegangen ist.
Kein Perfektionismus – warum Veränderung im Job Zeit braucht
Kintsugi ist keine schnelle Reparatur. Zerbrochene Gefäße werden über Wochen und Monate hinweg zusammengesetzt.
Die Kunsthandwerker arbeiten lange an einer einzigen Schale oder Vase. Zwischen den einzelnen Schritten liegen Pausen, damit der Lack trocknen kann, bevor es weitergeht.
Auch im Berufsleben lässt sich Veränderung nicht beschleunigen. Wenn im Job etwas zerbrochen ist – Vertrauen, Freude, Selbstwert -, hilft kein Tempo, sondern Zeit.
Dann geht es weniger um Lösungen als um den Umgang mit dem, was ist:
- hinschauen, was noch weh tut
- Verluste und Enttäuschungen anerkennen
- dich deinen „Bruchstellen“ zuwenden, ohne dich dafür zu verurteilen
- Gedanken und Gefühle sortieren, bevor du Entscheidungen triffst
- Ballast ablegen: Erwartungen, Rollen, Ansprüche
Erst dann entsteht Veränderung und es sortiert sich, was bleiben darf.
Und dann passiert dieser Perspektivenwechsel
Wenn du berufliche Niederlagen nicht mehr nur als Scheitern siehst, sondern als Teil deines Weges, verändert sich dein Blick.
Auch das Loslassen von Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben, schafft Abstand und damit neue Möglichkeiten.
Dieser Perspektivenwechsel geschieht nicht auf einmal. Oft zeigt er sich erst im Rückblick – beim Nachdenken, beim Sortieren, im Abstand zu dem, was war.
Und daraus entwickeln sich nach und nach:
- Klarheit darüber, was du nicht noch einmal willst
- Mut, Grenzen zu setzen
- ein klarerer Blick auf die eigenen Stärken
- mehr innere Stabilität
- weniger Druck, alles richtig machen zu müssen
- ein bewussterer Umgang mit Belastungen
- Klarheit über Werte
- kleine Schritte, die Orientierung geben
- ein beruflicher Weg, der heute besser zu deinem Leben passt
Ein Riss oder Bruch ist nicht das Ende. Er verändert die Richtung.
Mein Impuls für dich
Diese Übung hilft dir, deine Gedanken und Erfahrungen zu ordnen – so, wie beim Kintsugi Bruchstücke neu verbunden werden.
Erst anschauen. Dann sortieren. Dann neu verbinden.
Nimm ein Blatt Papier und schreib dir auf:
1. Was tut noch weh?
Notiere dir die drei Situationen, die dir zuerst einfallen und in deinem Berufsleben Risse hinterlassen haben.
Es können Momente, Gespräche oder Entscheidungen sein, die dich verletzt oder erschöpft haben.
Kurz und knapp – ein Wort oder ein Satz genügt.
2. Was zeigt mir dieser Riss heute?
Schau jeden Situation einzeln an.
Was kannst du heute darin erkennen?
Was möchtest du nie wieder?
Welche Grenze wurde sichtbar?
Was hat dich geprägt?
Hier entsteht oft der erste Perspektivenwechsel.
3. Was wäre ein kleiner Schritt nach vorn?
Keine großen Ziele, keine neuen Pläne. Nur ein kleiner Schritt, der sich umsetzen lässt.
Ein Gespräch.
Eine Pause.
Eine Grenze.
Eine kleine Entscheidung im Alltag.
Diese drei Fragen helfen dir, Belastendes zu sortieren, Bedeutung zu erkennen und die ersten Schritte in eine neue Richtung zu finden – ruhig, ohne Druck, mit Blick auf das, was jetzt dran ist.
Und wenn du dabei Unterstützung möchtest: Im Stärkencoaching schauen wir gemeinsam auf deine Erfahrungen und Ressourcen und darauf, was für dich jetzt wichtig ist.
Wenn Erfahrungen eine neue Bedeutung bekommen
Berufliche Erfahrungen, die sich früher wie ein Bruch angefühlt haben, lassen sich oft erst später einordnen. Nicht im Moment selbst, sondern mit etwas Abstand.
Wenn wir Erlebtes nicht wegschieben, sondern noch einmal ansehen, verändert sich der Blick darauf. Zusammenhänge werden klarer. Entscheidungen verständlicher und manches bekommt einen Platz, den es vorher nicht hatte.
Fazit: Kintsugi und berufliche Neuorientierung haben viel gemeinsam
Vielleicht hat dein beruflicher Weg Spuren hinterlassen. Erfahrungen, die sich wie feine Risse anfühlen oder wie ein deutlicher Bruch. Und vielleicht fühlt sich manches davon bis heute nicht leicht an.
Wenn du beginnst hinzusehen, verändert sich mit der Zeit der Blick. Nicht, weil alles gut wird, sondern weil Abstand entsteht und Erlebtes anders eingeordnet werden kann.
So bekommen Erfahrungen eine neue Bedeutung. Veränderung beginnt – manchmal im bestehenden Job, manchmal in kleinen Anpassungen und manchmal auch als Weg in eine berufliche Neuorientierung.
Kintsugi erinnert daran, dass Brüche nicht verschwinden müssen, um weitergehen zu können. Sie bleiben sichtbar und erzählen von dem, was war – nicht als Makel, sondern als Teil der eigenen Geschichte.
Es gibt Wege, die du hinter dir lassen darfst. Und es gibt Wege, die du weitergehst – mit mehr Klarheit darüber, was für dich funktioniert und was nicht mehr passt.
Manchmal stehen wir genau dort: vor etwas, das Risse hat.
Wegwerfen ist eine Möglichkeit. Hinsehen und neu zusammensetzen eine andere.
Bei Kintsugi wird das Gefäß dadurch wertvoller. Auch im Berufsleben kann aus einem Bruch etwas entstehen, das heute besser passt als vorher.
Zum Schluss ein Zitat:
„Manchmal zerbricht etwas im Beruf und genau dort beginnt oft der Weg in etwas Neues, das endlich zu dir passt.“
Andrea Ruisinger
Kintsugi im Berufsleben – kurz zusammengefasst
Dieser Artikel zeigt, warum berufliche Risse nicht das Ende bedeuten, sondern oft der Beginn von Orientierung und neuer Stärke sind.
- Berufliche Erfahrungen hinterlassen Spuren – sichtbar oder erst später spürbar.
- Brüche im Job brauchen Einordnung und Abstand, kein schnelles Weitergehen.
- Heilung und Neuorientierung brauchen Zeit, keinen Perfektionismus.
- Der Blick auf Vergangenes verändert sich, wenn Erfahrungen nicht verdrängt, sondern verstanden werden.
- Aus belastenden Erfahrungen entsteht Klarheit über Grenzen, Werte und Stärken.
- Die Kintsugi-Metapher hilft, Bruchstellen anzusehen und ihren Sinn für den weiteren Weg zu verstehen.
- Kleine Schritte führen zurück in Stabilität und in einen beruflichen Weg, der heute besser passt.